Brunsbüttel

Fehlende Fachkräfte – Sorge um Betriebsfähigkeit des Nord-Ostsee-Kanals

Nach nur siebenjähriger Bauzeit feierte Kaiser Wilhelm II. 1895 die Fertigstellung des rund 100 Kilometer langen Nord-Ostsee-Kanals. 125 Jahre später ist die längste künstliche Wasserstraße der Welt, eine der in mehrfacher Weise wichtigsten Wasserstraßen weltweit.

An ihr hängen nicht nur unmittelbar 4000 Arbeitsplätze am Industrie- und Schleusenstandort Brunsbüttel und 12.000 Beschäftigungsverhältnisse, die im direkten Zusammenhang mit dem größten Industriegebiet in Schleswig-Holstein stehen. Auch unzählige Arbeitsplätze im Hamburger Hafen, der als größter Seehafen Deutschlands und drittgrößter Hafen in Europa gilt, und anderen Industriestandorten sind von der Funktionstüchtigkeit der Wasserstraße abhängig.

Rund 29.000 Schiffspassagen verzeichnete der NOK im vergangenen Jahr. Schiffe, die würde es den Kanal nicht geben, über die Nordsee um Skagen hätten fahren müssen. Das wären nicht nur 250 Seemeilen (rund 460 Kilometer) mehr, sondern auch eine entsprechend höhere Belastung für die Umwelt. „Damit ist die international wichtige Transitwasserstraße auch ein echtes Umweltthema“, so der Brunsbütteler Hafenchef, Frank Schnabel. Weiter Bedeutung wird dem Kanal in den Bereichen Entwässerung und Tourismus zugeschrieben.

v.li  Gewerkschaftern Uwe Polkaehn und Kerstin Hinz, SPD-Bundestagsabgeordneten Mathisas Stein und Bettina Hagedorn, Lotsenbrüderschaft Matthias Probst,  Hafenchef Frank Schnabel

Dessen waren sich auch die Teilnehmer der Podiumsdiskussion der SPD-Bundestagsfraktion unter dem Titel „S.O.S. für den Nord-Ostsee-Kanal – Der Norden steht auf!“ im Brunsbütteler Torhaus geschlossen einig. „Wir haben diese Veranstaltung ganz bewusst unter dasselbe Motto gestellt wie vor rund achteinhalb Jahren“, sagte Gastgeberin Bettina Hagedorn. Denn wie zum Zeitpunkt der Veranstaltung im September 2011 bestünde auch heute weiterhin Anlass zur Sorge um die Betriebsfähigkeit des Kanals, wenn auch aus anderen Gründen als damals, unterstrich die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium.

Bedauerlicherweise sei es nicht gelungen Gelder vom Verkehrsministerium für den Bau der 5. Schleusenkammer und Grundsanierung der großen Schleusen in Brunsbüttel sowie für die Grundinstandsetzung der Kieler Schleuse sowie die in fünf Bauabschnitten gegliederten Begradigung der Oststrecke zu bekommen. Das Parlament habe jedoch die Bedeutung des NOK sowohl für die Wirtschaft als auch für das Erreichen der klimapolitischen Ziele erkannt und mehr als zwei Milliarden Euro für die genannten Maßnahmen bereitgestellt, betonte Hagedorn.

„Ich habe den Eindruck die bayerischen Verkehrsminister wissen nicht wo der Norden ist“, wurde DGB-Nord-Chef Uwe Polkaehn in seiner Kritik deutlich. Klare Worte fand dieser zudem für den Schleusenneubau: „Es ist ein Trauerspiel für die Bundesrepublik Deutschland und ein verheerendes Signal ins Ausland, dass es hierzulande nicht gelingt, in einem überschaubaren Zeitrahmen eine Schleuse herzustellen.“ 1996 wurde die Planungen um den Schleusenneubau aufgenommen. Der ursprüngliche Fertigstellungstermin war für das laufende Jahr vorgesehen, musste jetzt jedoch aufgrund diverser Komplikationen auf das Jahr 2026 verlegt werden.

Große Sorgen bereitet jedoch nicht nur die Fertigstellung der fünften Schleusenkammer, sondern insbesondere der Fachkräftemangel in diversen Bereichen, – vom Handwerker über Maschinenführer bis hin zum Ingenieur- die im Zusammenhang mit dem Kanal stehen. „Der Fachkräftemangel war errechenbar. Wir alle haben diese Entwicklung verpennt“, brachte es Uwe Polkaehn auf den Punkt. Einige der Schleusenausfälle ließen sich auf den Personalnotstand zurückführen, kritisierten Matthias Probst, Ältermann der Lotsenbrüderschaft NOK I.: „Die Mitarbeiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) arbeiten seit Jahren an ihren Leistungsgrenzen und können lediglich erste Prioritäten abarbeiten.“ Benötigt werde in allen Bereichen ausgebildete Personal, damit Maßnahmen vorsorglich und vorbereitend durchgeführt werden können. Beim WSA sei nicht nur der demografische Wandel schuld an der dünnen Personaldecke, sondern auch der von der Bundesregierung auferlegte Sparzwang, der zum Abbau diverser Arbeitsstellen geführt habe, bedauerten die Vertreter der Sozialdemokraten und räumten ihrer Partei eine Mitschuld ein.

Infokasten:
Die Baukosten für den Bau der 5. Schleusenkammer sind förmlich explodiert. Wurden zu Beginn der Maßnahme 300 Millionen Euro für den Bau veranschlagt, kletterten die kosten zunächst auf 540 Mio. Euro. Aktuell belaufen sich die Schätzungen für die Fertigstellung bereits auf 830 Mio. Euro
Auch die Kosten für die Begradigung der Oststrecke haben sich gegenüber ersten Schätzungen verdoppelt und belaufen sich nun auf weit über 300 Mio.Euro. Die Kosten für den Bau das Trockeninstandsetzungdock wurden mit 21. Mio Euro beziffert. Baubeginn soll im kommenden Jahr sein. Weitere 300 Mio. Euro werden für die Grundinstandsetzung der kleinen Schleuse in Kiel veranschlagt.

„Die viertägige Schließung der Schleuse wegen Segimenten wäre nicht notwendig gewesen, wenn man zwei Monate zuvor ausgemachte Sandbank entfernt hätte“, nannte Probst und Schnabel ein konkretes Beispiel und forderten eine umsichtigere Personalplanung.

Mahnende Worte kamen auch aus dem Publikum. Werner Hoffmann aus Wewelsfleth kritisierte die Vergabe der Bauaufträge von vier NOK-Fähren an eine Werft in Estland. „Wir werden alle Bemühungen vorantreiben die Rendsburger Werft zu stärken, indem wir ihr Reparaturaufträge zukommen lassen“, so der SPD-Bundestagsabgeordnete Mathias Stein abschließend.