Sankt Margarethen Wilstermarsch

Aktivisten suchen das Gespräch

Eine Woche lang stand St. Margarthen im September des vergangenen Jahres im breiten Licht der Öffentlichkeit. Mehrere Hundert Umweltaktivisten aus fünf verschiedenen Ländern hatten sich in der beschaulichen Elbgemeinde versammelt, um gemeinsam gegen die industrielle Form der Landwirtschaft aber vor allem gegen den Düngemittelhersteller Yara zu demonstrieren. Rund vier Monate nach den Protestaktionen lud die federführende Umweltschutzorganisation „Free the Soil“ (Befreie den Boden), Anwohner, Landwirte und Interessierte am Montagabend zu einer Nachbesprechung ins Dolling Huus ein. Etwa einhundert Gäste konnte die Delegation der Umweltaktivisten begrüßen. Darunter rund 35 Landwirte, die in einer Kolonne von 20 Schlepper vor das Gemeinschaftshaus vorfuhren, um ein deutliches Signal zu setzen.

Zahlreiche Landwirte waren der Einladung der Aktivisten gefolgt und taten ihren Unmut kund

Die angekündigte Veranstaltung hatte bereits im Vorwege für hitzige Diskussionen gesorgt. „Es hat keinen Zweck mit denen zu sprechen, da sie keine anderen als ihre eigenen Weltansichten zulassen. Wir dürfen nicht zum Pilgerort dieser Menschen werden, die sich mit ihrer kriminellen Energie sogar in Videos im Internet rühmen“, brachten Kritiker der Veranstaltung ihren Unmut im Rahmen einer Gemeindevertretersitzung zu Ausdruck.

Dirk, der als Vertreter von Free the Soil, die Gäste willkommen hieß und seinen Nachnamen nicht nannte, griff die geäußerte Kritik auf: „Wir sind gekommen, um miteinander und nicht übereinander zu reden.“ Doch bevor er die Diskussionsrunde eröffnete erläuterte er ausführlich, warum die Umweltschutzorganisation Yara zu seinem Feindbild erklärt hat.

2015 sei der teilstaatliche norwegische Konzern, der weltweit der größte Lieferant von Mineraldünger ist, wegen Korruption und Bestechung in Indien und Libyen zu einer Zahlung von über 48 Millionen Dollar verurteilt worden. Und auch heute würde das Unternehmen, das weltweit an 60 Standorten vertreten ist und jährlich Umsätze in Milliardenhöhe erzielt, weiterhin unseriöse Wege nutzen und jährlich über 12 Millionen Euro investieren, um in entscheidenden politischen Gremien die Konzerninteressen von Lobbyvereinen vertreten und durchsetzen zu lassen, kritisierte Dirk. „Die finanziellen Möglichkeiten uns Gehör zu verschaffen, um auf die Missstände aufmerksam zu machen, haben wir nicht und daher sehen wir uns gezwungen Aktionen zu starten, die das öffentlichen Interesse wecken.“

Sönke Krey, der sich als Mitglied der Gemeindevertretung zuvor gegen die Veranstaltung ausgesprochen hatte betonte, dass die freie Meinungsäußerung eines der höchsten Güter unserer Gesellschaft sei. „Wenn sich jedoch Menschen vermummen und sich an Bahngleisen zu schaffen machen, dann hat dies nichts mehr mit Meinungsäußerung zu tun, für mich sind das terroristische Anschläge.“

Sönke Krey äußerte offen seine Meinung gegenüber den Free the Soil-Aktivisten

Dieser Meinung schloss sich Jörg Göttsche an. Der Landwirt, der stellvertretend für einige seiner Berufskollegen das Wort ergriff, erklärte: „Wir Landwirte möchten uns entschieden von dem Vorgehen der Aktivisten distanzieren und heißen die Aktionen vor dem Yara-Werk in keiner Weise für gut. Wenn ich eine Meinung habe, dann sollte ich mich nicht hinter einer Maske verstecken und auch bereit sein meinen vollen Namen zu nennen.“ Zudem kritisierte er, dass zahlreiche Aktivisten ungefragt die Ländereien der Landwirte aufgesucht hätten. Im Zusammenhang mit den angebotenen Workshops im Camp, in denen unter anderen gezeigt wurde wie sich Fingerabdrücke durch den Einsatz von Nagellack vermeiden lassen, und vor dem Hintergrund, dass es immer wieder in Maisfeldern zu Sabotageanschlägen käme, seien Misstrauen und Ängste geschürt worden.

Die anwesenden Free the Soil-Aktivisten erklärten, dass es für das Camp sowie die Aktionen festgesetzte Richtlinien gegeben habe. So seien alle Campteilnehmer aufgefordert worden von Sachbeschädigungen oder Handlungen, die eine Gefahr für das Wohl anderer Menschen darstellen, Abstand zu nehmen. „An die Regeln haben sich nachweislich alle gehalten“, unterstrich Diskussionsleiter, Dirk. Sein Erklärungsversuch, warum es viele Demonstranten für erforderlich halten, weitgehend anonym aufzutreten sowie die Bemühungen, sich für die grenzüberschreitenden Vorfälle zu entschuldigen traf nicht bei jedem Anwesenden auf fruchtbaren Boden.

 Bei den nachfolgenden Diskussionen stellte sich heraus, dass die Meinungen der Landwirte und Umweltaktivisten bezüglich der notwendigen Grundlagen für eine moderne, gesunde und gut funktionieren Landwirtschaft in vielen Punkten gar nicht so weit auseinandergehen.

Trotz der Annährung blieb bei vielen Teilnehmer ein gewissen Maß an Misstrauen gegenüber den Aktivisten. „Natürlich wollen sie es sich mit uns nicht verscherzen, denn sicher wollen sie noch mal wiederkommen“, mutmaßte Sönke Krey. So schlossen die Aktivisten Aktionen gegen den geplante Bau eines LNG-Terminals, von dem auch Yara profitieren würde, nicht gänzlich aus.

Norbert Pralow informierte über das geplante LNG-Terminal und sprach sich offen gegen den Bau aus.