Vermischtes Wirtschaft

Tarifabschluss in der Chemiebranche

Beflügelt durch die am Ende überraschend schnelle Einigung in den zunächst kräftezehrenden Tarifverhandlungen in Wiesbaden, sei es ihm trotz kurzer Erholungsphase leichtgefallen, den Weg in die Schleusenstadt anzutreten, teilte Andreas Suß am Sonnabendmorgen im Hotel Zur Traube mit. Auf Einladung des Vorsitzenden der Brunsbütteler IG-BCE Ortsgruppe, Harald Frings sprach der Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hier im Zuge der jährlichen Mitgliederversammlung vor rund 50 erschienenen Gewerkschaftern. „Noch aktueller als hier heute kann man eigentlich gar nicht sein“, sagte Suß, der eine Zusammenfassung des 24 Seiten umfassenden Verhandlungsergebnisses des Vortages in seinen Händen hielt.

Trotz 30 Gegenstimmen auf Seiten des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie (BAVC) steht der neue Tarifvertrag seit Freitagnachmittag, der für 580.000 Beschäftigte in der deutschen Chemie- und Pharmabranche gilt. Nach Angaben der Gewerkschaft entspreche das ausgehandelte Tarifpaket einer Entgeltsteigerung von sechs Prozent. Eine Steigerung, die sich jedoch nicht unmittelbar auf dem Lohnkonto offenbart.

„Die Reduzierung der Belastung war bei allen Umfragen und Tarifkommissionssitzungen, die wir gemacht haben, unseren Mitgliedern wichtiger als das Geld“, so Andreas Suß.

li. Harald Frings und Andreas Suß

Der Fokus der Verhandlungen habe daher weniger auf einer deutlichen Steigerung der Gehälter als vielmehr auf der Einführung und Umsetzung vorgeschlagener Zusatzleistungen gelegen.

In ihren Tarifgesprächen einigten sich beide Parteien auf eine Einmalzahlung im ersten Halbjahr 2020. Ab Juli des kommenden Jahres sollen die Löhne um 1,5 Prozent und nach einem Jahr noch einmal für neun Monate um weitere 1,3 Prozent ansteigen.

Ausgehandelt wurde ferner ein sogenanntes „Zukunftskonto“ für die Beschäftigten und Auszubildenden. Es startet im kommenden Jahr mit zwei zusätzlichen freien Tagen und wächst bis 2022 auf fünf freie Tage pro Jahr oder 23 Prozent eines tariflichen Monatseinkommens an, wenn eine Auszahlung erwünscht wird.  Die freien Tage können im Laufe des Jahres genommen, oder wahlweise auf einem Langzeitkonto angespart oder für die Altersvorsorge verwendet werden.

Mit der Forderung der bundesweit ersten tariflichen Pflegezusatzversicherung, die zum Juli 2021 eingerichtet werden soll und dessen Versicherungsprämien die Arbeitgeber tragen, betrat die Gewerkschaft tarifpolitisches Neuland.  Die Versicherung soll für alle Arbeitnehmer ab sechs Monaten Beschäftigung greifen. Bei Eintritt des Pflegefalls deckt die Versicherung bei stationärer Pflege bis zu 1000 Euro, bei ambulanter Pflege bis zu 300 Euro der Kosten. Abgeschlossen wir die Pflegeversicherung ohne Gesundheitsprüfung. Zudem lässt sie sich privat aufstocken oder auf Familienmitglieder ausweiten.

Abschließend wurde eine „Qualifizierungsoffensive Chemie“ vereinbart, mit der die Tarifparteien die Beschäftigten für neue Anforderungen durch die Digitalisierung weiterbilden wollen. Mit einer Tarifvertrags-Laufzeit von bis zu 29 Monaten konnte die längste Laufzeit seit 1987 ausgehandelt werden, berichtete Suß.

In seinen weiteren Ausführungen mahnte der IG BCE-Bezirksleiter, dass sich die Politik nicht von dem Hyp beeinflussen lassen darf, der von Umweltbewegungen wie „Fridays Fot Future“ ausgeht. Unumstritten sei, dass umweltpolitische Themen diskutiert und Veränderungen herbeigeführt werden müssen, jedoch sollte ein Vorgehen dringen sachlich und rational geprägt sein. „Wir können nicht so weitermachen wie bisher, wir können aber auch nicht einfach blind den Stecker ziehen“ kritisierte Suß, das derzeitige Vorgehen der Politik insbesondere im Bereich der Automobilindustrie. Ein Vorgehen, dass nach Auffassung des Gewerkschaftsvertreters, neben Arbeitsplätzen auch den Wohlstand dieses Landes gefährde.

Auch der CO2-Ausstieg dürfe nicht übers sprichwörtliche Knie gebrochen werden. Unternehmen seien sich ihrer Verantwortung durchaus bewusst. Erst kürzlich erklärte das in Brunsbüttel ansässige Unternehmen Lanxess, bis 2040 klimaneutral werden zu wollen.

Die Nutzung von Brückentechnologien wie beispielsweise LNG seinen unerlässlich, damit international agierende Unternehmen, die auf einem hart umkämpfen Weltmarkt um ihren Platz kämpfen müssen, technische Lösungen zum Klimaschutz entwickeln können, mit denen sie auch weiterhin wettbewerbsfähig bleiben können ohne Arbeitsplätze abbauen zu müssen. „Wir brauchen dringend eine Umwelt, Industrie-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik die nach echten, machbaren Lösungen sucht und diese entwickelt, denn sonst passiert das was keiner will, dass Leute mit platten Reden und ohne Antworten zunehmend an Einfluss gewinnen“, betonte Suß.