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Zeitzeugen berichten vor Neuntklässlern

Wilster - „Ich war damals etwa in eurem Alter, als ich am 15. Juni 1944 bei einem Bombenangriff auf Wilster unter einem mehrgeschossigen Wohn- und Bürogebäude in der Straße Steindamm verschüttet wurde“, erzählte Reinhold Hoyer gegenüber Schülern der 9. Klassen an der Gemeinschaftsschule Wilster. Rund zweieinhalb Stunden musste der damalige Teenager, der zu dem Zeitpunkt eine kaufmännische Ausbildung absolvierte, unter den Trümmern verharren. „Ich war eine von vier Personen, die verschüttet wurden. Mit meiner Rettung hatte ich gar nicht mehr gerechnet. Links und rechts neben mir lag jeweils noch eine weitere Person, doch beide konnten nur noch tot geborgen werden“, erinnert sich Hoyer. Immer wieder hielt der Zeitzeuge des Zweiten Weltkriegs bei seinen Erzählungen über die persönlichen Erlebnisse inne. Momente des Schweigens, die er nutzte, um den Schüler anhand von Fotos Eindrücke zu vermitteln, wie es seine Worte nicht vermochten. „Es ist schwer über etwas zu reden, was sich der andere nicht vorstellen kann“, betonte Reinhold Hoyer. Die Fotos machten das Ausmaß der Katastrophe deutlich und doch fiel es den Schülern nach etwa 69 Jahren des Friedens in Deutschland schwer, ein passendes Gefühl für das Gesehene aufzubringen, wie sie selber eingestanden. Bei dem Luftangriff des anglo-amerikanischen Fliegerverbandes mit 12 Bombern und vier Jagdfliegern wurden binnen kürzester Zeit rund 74 Gebäude komplett zerstört, 109 Häuser waren anschließen unbewohnbar. 51 Menschen verloren ihr Leben, mehr als 100 wurden verletzt. „So etwas darf nie wieder passieren“, mahnt Reinhold Hoyer. Worte, denen sich Willi Gilde, Friedrich Meier, Hildegard Hübner, Edith Rechlin, Eleonore Grothmann und Waltraut Kaiser anschlossen, die allesamt den Zweiten Weltkrieg noch selber erlebt haben. Auf Anfrage des Seniorenbeirates hatten sich die sieben Zeitzeugen bereit erklärt, im Zuge der zweiten vom Kinder- und Jugendparlament (KiJuPa) initiierten Veranstaltung dieser Art, Schülern der Gemeinschaftsschule etwas über die Wirren des Krieges zu erzählen. Die Erlebnisse der Zeitzeugen hätten unterschiedlicher nicht sein können. Dr. Friedrich Meier berichtete über seine russische Kriegsgefangenschaft und darüber wie er von Minsk in ein etwa 6000 Kilometer entferntes Kriegsgefangenenlager  an der kasachischen Grenze zu China verlegt wurde und über die tägliche Angst, von den Wachen erschossen zu werden. An einem anderen Tisch lieferte Waltraut Kaiser den Mädchen und Jungen einen kleinen Einblick in ihre Erlebnisse, die sie als 15jähriges Mädchen auf der Reise von Tschechien nach Hamburg gemeinsam mit ihrer 13 Jahre alten Cousine gemacht hatte. Indessen schilderten Willi Gilde von seinem Kriegseinsatz in Südholland und Edith Rechlin von ihrem Leben in Niederschlesien. „Wie selbstverständlich wurde uns alles weggenommen. Die Uhren nahmen sie als Erstes. Heute während es wohl die Handys und eure MP3 Player die euch genommen werden würden“, so Edith Rechlin. Wie Willi Gilde fand auch sie im christlichen Glauben einen Weg und die Kraft, die schrecklichen Erlebnisse des Krieges zu überstehen. Eleonore Grothmann wusste über Hamburg in der Kriegs- und Nachkriegszeit zu berichten und Hildegard Hübner über den Reichsarbeitsdienst. „Es war schon beeindruckend, wie viele Emotionen in den Erzählungen steckten“, sagte Lea Maaß (15/Dammfleth). Insbesondere die Reise der damals 15 Jahre alten Waltraut Kaiser hatten die Schülerin in den Bann gezogen. Als sehr informativ empfand auch Maximilian Raeder (15/Wilster) das Zeitzeugentreffen. Am interessantesten fand er den Bericht über den Bombenangriff auf Wilster. „Ich finde es sehr wichtig, dass wir aus erster Hand etwas über den Krieg erfahren, der Millionen Menschenleben gekostet hat“, betonte Niklas Grünberg. Gerade mit dem Blick auf die Krim-Krise sei es wichtig, dass sich die Menschen bewusst machen, welch grausame Folgen ein Krieg mitbringt, äußerte der Neuntklässler. „Ihr solltet dankbar sein, dass ihr schon so lange in Frieden lebt und ich hoffe, dass zumindest ihr immer in Frieden leben dürft“, äußerte Edith Rechlin abschließend.  
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