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Nach 44 Jahren als Schutzmann – Rüdiger Mengel hängt Dienstmütze an den Nagel

ru03 Wilster - 05.12.2016  Das Ende eine Ära - Der letzte Dorfsheriff der Wilstermarsch mit Residenzpflicht geht in den Ruhestand. Nach etwas mehr als 44 Jahren gibt Polizeioberkommissar Rüdiger Mengel am 30. November seine Dienstwaffe und die blaue Uniform ab. Damit verliert die Wilstermarsch einen Schutzmann vom alten Schlag und vor allem ein Urgestein. 40 Jahre und 36 Tage seiner Dienstzeit sorgte Rüdiger Mengel in Wilster und Umgebung mit Leib und Seele und viel Feingefühl für Recht und Ordnung. So lange wie keiner vor ihm und voraussichtlich auch niemand nach ihm. „Ich habe in meinem gesamten bisherigen Leben lediglich eine einzige Bewerbung geschrieben“, sagt der 60-Jährige, der sich unmittelbar nach seinem Abschluss an der Realschule in Alberdorf, bei der Landespolizei in Eutin für den Polizeidienst bewarb. Nach der zweieinhalbjährigen Ausbildung und knapp eineinhalb Jahren als Kraftfahrer, in der 2. Einsatzhundertschaft in Kiel, wechselte Rüdiger Mengel am 26. Oktober 1976 auf das Polizeirevier in der Marschenstadt. „In Rahmen der Anhörungstermine zum Bau des Atomkraftwerkes Brokdorf war ich vor meiner Versetzung ein paar Mal in Wilster“, so Mengel. Ansonsten war ihm die beschauliche Gemeinde lediglich vom Durchfahren bekannt. Nur wenige Tage nach seinem Wechsel in die Marschenstadt wurde es unruhig. Tausende Menschen versammelten sich zunächst friedvoll rund um Wilster, um gemeinsam gegen den umstrittenen Bau des Atomkraftwerkes Brokdorf zu demonstrieren. Am 13. November münru01deten die friedlichen Kundgebungen in gewaltsame Auseinandersetzungen mit bürgerkriegsähnlichem Charakter. Etwa 150 Demonstranten und gut 79 Polizisten wurden dabei verletzt.  „Es gab eine Situation, da hatte ich doch große Sorge, dass ich da nicht wieder heil herauskomme“, erinnert sich Rüder Mengel. Mit seinem damaligen Kollegen durchfuhr er im Dienstwagen die Schmiedestraße, als ihnen eine aufgebrachte Gruppe von mehreren hundert Demonstranten entgegenkam. „Im Schritttempo sind wir zunächst weitergefahren, bis wir inmitten der Menschenmenge waren und immer mehr Demonstranten gegen unser Fahrzeug schlugen und begannen daran zu rütteln.“  Kurzerhand entschieden die beiden Polizisten, sich mit dem Fahrzeug auf dem Gelände eines Kohlehandels in der nahe gelegenen Straße Am Rosengarten zu verstecken, um die Situation nicht weiter zu verschärfen. „Ich habe während meiner 44-jährigen Dienstzeit so viel erlebt, dass ich ganze Bücher füllen könnte“, sagt Rüdiger Mengel. Unter den Einsätzen gibt es Erlebnissen, die sich regelrecht in das Gedächtnis eingebrannt haben.  Das wohl schlimmste Erlebnis, so schildert er, war ein Mord an einem kleinen Jungen kurz hinter Brokdorf in Richtung Wilster. „Ich habe noch immer die Bilder vor Augen, als wenn es gestern gewesen wäre, als der kleine Junge, bekleidet mit einer Badehose, an dem schwül-warmen Tag, vor meinen Augen, an den ihm zugefügten Stichwunden verstarb. Unmittelbar nach seinem Ableben, knallte ein gewaltiges Gewitter herunter“, berichtet der Polizeioberkommissar auch Jahre nach dem Erlebten noch sichtlich berührt. Der Täter konnte kurz nach der Tat gefasst werden. „Zu den schönsten Ereignissen zählt ganz klar eine Geburt auf der Wache“, sagt Mengel. Am 2. Mai 2001 wurden die Polizisten in Wilster von der Leitstelle informiert, dass eine hochschwangere Frau bei ihnen eintreffen werde, die bis zum Eintreffen des Rettungswagens von den Polizisten umsorgt werden sollte. Doch bereits vor der Dienststelle platzte die Fruchtblase der Schwangeren und kündigte die bevorstehende Geburt an. „Für die Frau war es glücklicherweise die zweite Geburt. Sie wusste somit, was auf sie zukommt und es ging dann auch alles ganz schnell.“ Noch bevor der Rettungswagen vor Ort eintraf, erblickte der heute 16-jährige junge Mann das Licht der Welt. Abseits des regulären Streifendienstes, als Teil der Öffentlichkeitsarbeit, schleuste der 60-Jährige seit 1980 unzählige Kindergartengruppen durch die Räumlichkeiten der Polizei. Präsentierte mit stoischer Gelassenheit, viel Humor aber vor allem kindgerecht die einzelnen Ausrüstungsutensilien, die ein Polizist für den Dienst benötigt und mehr. Im Rahmen der Präventionsarbeit an den weiterführenden Schulen klärte er den Nachwuchs über die unterschiedlichsten Themen von Süchten über Gewalt bis hin zu Cybermobbing auf. Nachdem ein Kollege und Freund im Dienst erschossen wurde, entschied Rüdiger Mengel, sich zum Betreuer nach belastenden Einsätzen fortzubilden. In dieser Funktion stand er über einen Zeitraum von fast 20 Jahren nicht nur einer Vielzahl von Kollegen in schwierigen Zeiten zur Seite. Auch ehrenamtlichen Brandbekämpfern half Mengel häufig, belastende Erlebnisse, die im Rahmen von Einsätzen wie Verkehrsunfällen gesammelt wurden, zu verarbeiten. „Meine Hauptprämisse lautete in all den Jahren: Mensch bleiben“, sagt der 60-Jährige. Für Rüdiger Mengel heißt das, sich auch außerhalb der Dienstzeiten zu engagieren, wenn Hilfe erforderlich ist. Es heißt aber auch, mal auf eine Anzeige zu verzichten, wenn ein ernstes Gespräch und ein erhobener Zeigefinger ebenfalls zur gewünschten Einsicht bei dem Klienten führen. Aufgrund seiner langjährigen Dienstzeit in Wilster, kennt Rüdiger Mengel „seine Pappenheimer“. „Nicht jeder, der mal etwas Dummes anstellt, was gegen das Gesetz ist, ist hochgradig kriminell. Gerade Jungs lassen sich schnell mal dazu verleiten, Blödsinn zu machen“, weiß der Polizeioberkommissar, der sich so manches Mal mehr in der Rolle des Sozialarbeiters, als in der des Polizisten wiedergefunden hat. „Ich bin all die Jahre gerne zur Arbeit gegangen und würde diesen Beruf jederzeit wieder wählen. Trotz der zunehmenden Bürokratie, insbesondere den Statistiken, die wir ausfüllen müssen“, so Rüdiger Mengel. Und doch freut er sich jetzt auf die Zeit nach dem Berufsleben. „Langeweile werde ich mit Sicherheit nicht haben, dafür habe ich einfach zu viele Hobbys“, ist der Polizeioberkommissar zuversichtlich. Als leidenschaftlicher Musik-Liebhaber besucht Rüdiger Mengel beispielsweise regelmäßig Konzerte. „Am Liebsten der Rolling Stones, Iron Maiden, Volbeat oder Airbourne“, sagt er. Doch auch andere Interpreten, aber auch Festivals wie das Wacken Open Air stehen bei ihm hoch im Kurs. Eine weitere große Leidenschaft des Familienvaters ist der Schießsport. Gemeinsam mit einigen Kollegen gründete er vor mehr als zwei Jahrzehnten die Polizei-Sport-Gruppe Itzehoe (PSG-Itzehoe), die sich das sportliche Schießen auf ihre Fahnen geschrieben hat. In dem Verein bekleidet Rüdiger Mengel seit etwa 1995 den Posten des Vorsitzenden. Entspannung findet der 60-Jährige zudem entweder in der selbst gebauten Sauna, beim Kochen, Motorradfahren oder bei Fahrradtouren und Spaziergängen, die er gemeinsam mit seiner Frau Anke unternimmt.   ru02     thorsten   Thosten Franck (Leiter Ordnungsamt) „Es ist schade, dass er aufhört. Aber der wohlverdiente Ruhestand sei ihm gegönnt. Die Zusammenarbeit mit Rüdiger hat mir sehr gefallen. Häufig wurden unbürokratisch Lösungen auf dem kleinen Dienstweg gefunden, er ist halt ein Schutzmann von altem Schrot und Korn. Er war immer nett und freundlich aber wenn es darauf ankam, hat er auch seinen Rücken geradegemacht. Wir wünschen ihm einen schönen Ruhestand.“         walter     Walter Schultz (Bürgrmeister) „Er hat es sich verdient, in den Ruhestand zu gehen. Für uns ist es jedoch äußerst bedauerlich. Er wird uns mit seiner Kompetenz, die er in vielen Bereichen hat, als Bindeglied zwischen Polizei und Behörde fehlen. Für seinen Ruhestand wünschen wir ihm alles erdenklich Gute.“           feuerwehr     Ralf Theede (Wehrführer) „Rüdiger Mengel war immer für die Feuerwehr da. Nicht nur während sondern auch außerhalb seiner Dienstzeit. Von seiner Tätigkeit als Betreuer nach belastenden Einstätzen haben auch wir profitiert. So manches Mal hat er uns geholfen, belastende Feuerwehreinsätze wie beispielsweise Verkehrsunfälle besser zu verarbeiten. Für seinen (Un)Ruhestand wünsche wir ihm nur das Beste.“   susanne   Susanne Lindemann (Kita-Schwalbennest) „Der Besuch der Polizeistation Wilster ist immer ein Highlight für die Kinder. Rüdiger Mengel hat uns über einen unglaublich langen Zeitraum begleitet und war stets mit Leib und Seele und viel Humor dabei. Wenn er Streife gefahren ist, hat er das auch schon mal mit einem Kurzbesuch bei uns in der Kita verbunden. Wir werden ihn schrecklich vermissen und wünschen ihm alles, alles Gute.“            
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