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Interview mit Ron Paustian

Interview mit Ron Paustian, Geschäftsführer "Inklusion muss laut sein"

  Seit sieben Jahren macht sich Ron Paustian für Menschen mit Behinderung stark. Mit seinem Online Musikmagazin „New Metal Media“ informiert der 39-jährige Dithmarscher gemeinsam mit einem Team ehrenamtlicher Helfer nicht nur über Musik, Bands, Festivals und Konzerte. Das Magazin liefert darüber hinaus jede Menge Informationen, die für Menschen mit Behinderung von immenser Bedeutung sind. Mit Hilfe des bundesweiten Förderwettbewerbs sozialer Projekte “starsocial“ und den Mentoren Hanne Tügel und Daniel Schultz gründete der gelernte Bürokaufmann in diesem Jahr zusätzlich eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft unter dem Namen „Inklusion muss laut sein“. Ziel der Gesellschaft ist es, Inklusion deutlich voranzutreiben und Barrieren insbesondere in den Köpfen der Menschen abzubauen.  Dazu zählt beispielsweise ein Begleitnetzwerk. Dieses ermöglicht es Menschen mit Behinderungen, selbstbestimmter zu agieren. Zudem steht die Gesellschaft behinderte Menschen bei Problemen mit Behörden, Krankenkassen und anderen Institution als starker Partner zur Seite zu stehen. 14002574_1059533187435493_575919510_o
  • Inklusion muss laut sein war in diesem Jahr erstmalig auf dem Wacken Open Air vertreten. Was waren eure Aufgaben dort?
Das stimmt, wir waren vor und während des Festivals aktiv. Während wir vor der Eröffnung danach geschaut haben, räumliche Barrieren zu beseitigen, waren wir während der laufenden Veranstaltung mit 14 ehrenamtlichen Helfern aus ganz Deutschland und der Schweiz vor Ort. Wir hatten einen Servicestützpunkt unmittelbar in der Wheels of Steel Area und waren auf dem Gelände unterwegs. Die Konzeption für das Festival war sehr umfangreich und bezog sich unterschiedliche bereiche, somit waren auch unsere Aufgaben recht vielseitig. Zusammengefasst würde ich sagen, wir waren als Kümmerer dabei und dienten als Bindeglied zwischen den rund 450 Festivalbesuchern mit Handicap und den Veranstaltern. Eigentlich konnte man mit jedem Problem zu uns kommen und wir haben versucht die passende Lösung für das jeweilige Anliegen zu finden. Das WOA wird sich auch weiterhin verändern und wir werden versuchen, allen Besuchern mit Handicap gerecht zu werden. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass erst einmal eine Grundlage für alle geschaffen werden muss für die Teilhabe und dann eben auch auf individuelle Behinderungen eingegangen werden kann. Schließlich gibt es keinen Handbuch-Besucher mit Behinderung, sondern wir sind alle verschieden.
  • Könntest Du vielleicht ein oder zwei Beispiele nennen, mit was für Anliegen ihr aufgesucht wurdet?
Leider hatten wir mit dem Wetter nicht sehr viel Glück. Das Gelände war Teilweise überaus matschig. Viele wollten einfach nur wissen wie sie am besten auf die Rollstuhlpodeste vor den Bühnen oder zu anderen Punkten auf dem Gelände kommen. Wir haben sie dann begleitet und dort wo es notwendig war Festivalbesucher angesprochen, ob sie kurz mit anpacken könnten. Die Hilfsbereitschaft unter den Metalheads ist bombastisch. In einem speziellen Fall wurden wir gefragt, ob es eine Möglichkeit gäbe, einem Beatmungspatienten den Besuch des Festivals zu ermöglichen. Auch das haben wir möglich gemacht und ihm damit einen seiner größten Wünsche erfüllt. Andreas wurde im Vorfeld schon von uns umfangreich betreut und so war sein Besuch mit Hilfe der ehrenamtlichen Helfer auch kein größeres Problem. Thomas Jensen hatte ihn nachdem er seine Geschichte kannte eingeladen, das Festival zu besuchen. Daher war es uns eine Herzensangelegenheit, dieses zu ermöglichen.  
  • Bist du denn mit dem Verlauf der Veranstaltung aus der Sicht des Inklusionsbeauftragten und mit eurer Arbeit zufrieden?
Thomas Jensen und Holger Hübner unternehmen viel, damit das W:O:A ein inklusives Festival wird. Ich denke sie sind auf einem sehr guten Weg. Dafür das wir zum ersten Mal ein Festival in dieser Größenordnung begleitet habe, bin ich eigentlich recht zufrieden mit unserer Arbeit. Natürlich gibt es Punkte, die wir in Zukunft anders handhaben werden. Wir werden jetzt in die Gespräche mit den Besuchern und den Veranstaltern gehen müssen um zu schauen, ob vor allem die mit unserer Arbeit zufrieden waren.  
  • Gab es Fälle bei denen ihr an eure Grenzen gestoßen seid?
An die Grenzen gestoßen würde ich so nicht sagen. Natürlich gab es auch unter Rollstuhlfahrern schwierige Persönlichkeiten. Zwei der Festivalbesucher wollten unbedingt mit Gartenfräsen auf das Gelände, die sie zu Zugmaschinen für ihre Rollstühle umgebaut hatten. Da keines der Eigenbauten über eine Sicherheitsprüfung verfügte und die Sicherheit auf dem Festival überaus großgeschrieben wird, wurde ihnen die Nutzung der Gefährte auf dem Gelände aus Sicherheitsgründen untersagt. Das wollten sie jedoch nicht einsehen. Da musste ich mir dann schon ein paar unschöne Äußerungen anhören.  Zudem hatten sich ja beide schon im Vorfeld telefonisch gemeldet und ihnen wurde hier schon erklärt, dass Eigenbauten besser zuhause bleiben. 13942614_1059532954102183_276873294_n
  • Ihr hattet sogar Band für Autogrammstunden an eurem Servicestand. Wie ist es dazu gekommen?
Über das Online Musikmagazin haben wir einen sehr engen Kontakt zu vielen Bands, von denen uns auch einige unterstützen. Die österreichische Metalcombo „Pain is“ sowie die baden-württembergische Gruppe PhallaX und die Glückstädter Formation Forgotten North hatten sich bereiterklärt für ein Meet and Greet zu uns an den Stand zu kommen. Das war wirklich eine tolle Sache. Alle Bands waren sofort von der Idee begeistert uns auf diese Weise zu unterstützen und gerade Forgotten North kennen das Projekt seit Jahren und unterstützen die Barrierefreiheit und die Inklusion.  
  • Wie geht es nun für Inklusion muss laut sein weiter?
Wir haben noch ein paar Festivals und Veranstaltung für die wir ein Inklusionskonzept entwickeln sowie zahlreiche Schulen an denen wir Inklusions-Tage veranstalten sollen. Nebenbei führen wir immer wieder Beratungen durch. Wir würden gerne ein Inklusionsbüro mit vier Vollzeitstellen schaffen wollen, damit wir unsere Inklusionsarbeit ausweiten und den Menschen mit Behinderung noch effektiver helfen können. Leider fehlen uns die finanziellen Mittel. Ich hatte fälschlicher Weise gedacht, dass wir es nach unserer Ehrung im Bundeskanzleramt etwas leichter haben würden Förderer zu finden, doch dem ist nicht so. Auch wenn unsere Referenzen wirklich eine gute Werbung sein müssten, ist es nicht leicht. Doch wir werden nicht aufgeben und Teilhabe in den nächsten Jahren in den Fokus der Gesellschaft rücken. Denn eine Sekunde kann das eigene Leben komplett verändern und dann könnte jeder auf unsere Hilfe angewiesen sein. Das wir einen langen Atem haben und gute Freunde, die uns jederzeit unterstützen, beweisen wir seit 7 Jahren.                
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