Büttel Wilstermarsch

Blockade vor Yara-Werk in Brunsbüttel

Mehrere Hundert Umweltaktivisten aus ganz Europa versammelten sich gestern vor dem Brunsbüttel Yara-Werk um gegen die industrielle Form der Landwirtschaft zu protestieren. Trotz einiger Zwischenfälle im Bereich der Bahnschienen zwischen Brunsbüttel und Wilster in der Nacht zuvor, zeigte sich die Polizei am Morgen zuversichtlich, dass die bis 18 Uhr angemeldete Versammlung ruhig vonstattengehen würde. „Wir rechnen schon mit einigen kreativen Aktionen, sind aber bestens darauf vorbereitet“, sagte Sandra Otte, Sprecherin der Polizei.

Insgesamt 16 Aktivisten hatte die Polizei in der Nacht erkennungsdienstlich behandelt. Bei Fahrzeugkontrollen stieß die Polizei auf zwei Fahrzeugen, in denen sich 12 Personen befanden. Da sich diese ihre Gesichter schwarz gefärbt und die Fingerkuppen mit Nagellack manipuliert hatten sowie Stirnlampen trugen, wurden sie aus Gründen der Gefahrenabwehr vorläufig in Gewahrsam genommen. Ebenso wie drei weitere Personen, die sich im Nahbereich der Gleise bei Wilster aufhielten. Eine Person, die sich unmittelbar auf den Gleisanlagen befand, wurde vorrübergehend festgenommen, da im selben Bereich, in dem sich die Person aufhielt, Schrauben gelöst und das Schotterbett in Teilen entfernt worden war. Da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass es sich um Altschäden handelte, wurde die Person im Laufe des Tages wieder entlassen. Die betroffene Güterbahnstrecke Wilster-Brunsbüttel wurde bis auf weiteres für den Bahnverkehr gesperrt.

Der Sprecher des benachbarten Unternehmens Covestro, Günter Jacobsen erklärte, dass die Einstellung des Schienenverkehrs zwar etwas überraschend kam, die Produktion aber nicht beeinträchtigt sei. Da der Bereich Holstendamm großräumig abgesperrt wurde, kam es bei dem weltweit führenden Hersteller von Hightech-Kunststoffen, dennoch zu Beeinträchtigungen. So musste der Lkw-Verkehr großflächig umgeleitet werde.

„Wir wollen eine umweltfreundliche Landwirtschaft“, erklärte eine Aktivistin gegenüber unserer Zeitung und sagte weiter: „Das aktuelle landwirtschaftliche System zerstört fruchtbare Böden, beutet Menschen des Globalen Südens aus und ist eine der Hauptursachen für die Klimakrise.“ Der norwegische Chemiekonzern ist nicht nur einer der größten Produzenten von Stickstoffdünger, sondern zudem Europas größter industrieller Käufer von fossilem Erdgas. Das Unternehmen betreibe daher sehr aktiv Lobbyismus für Fracking und die Verfügbarkeit von billigem Erdgas. Weltweit treibe das Unternehmen Landwirte in eine Abhängigkeit. In ihrer Unfreiheit hätten diese am Ende gar keine andere Wahl, als auf Yara-Produkte zurückzugreifen, um halbwegs ertragbare Ernten zu erzielen.   

„Wir werden heute mit unseren Körper Widerstand leisten und uns von hier nicht fortbewegen.“

„Wir werden heute mit unseren Körper Widerstand leisten und uns von hier nicht fortbewegen“, kündigte die Aktivistin einen Widerstand bis über die genehmigte Zeit hinaus an. Das einvernehmliche Ziel aller Teilnehmer sei es, das Werk still zu legen. „Wir sind zwar eine Gruppe, doch in der Gruppe muss jeder Teilnehmer für sich selbst entscheiden, was er unternehmen kann und möchte, um das Ziel zu erreichen“, erklärte die Protestlerin. 

Der klima- und energiepolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der Partei die Linke, Lorenz Gösta Beutin, nahm als parlamentarischer Beobachter an der Protestaktion teil. Sowohl auf der Seite der Protestler als auch der Polizei empfand dieser die Stimmung am Nachmittag als überaus friedlich. „Das Thema Klimaschutz breitet sich immer weiter aus“, so Lorenz Gösta Beutin: „Die Menschen reden längst nicht mehr ausschließlich vom Kohleausstieg und fordern eine klimafreundliche Mobilität, sondern setzen sich, wie man hier sehen kann, auch für faire Agrarindustrie ein.“ Das am Freitag vorgestellte Klimapaket sei bei weitem nicht ausreichend, um die Klimaziele 2030 zu erreichen, Aktionen wie von Free the Soil oder Fridays for Future seien daher wichtig, um diese Themen in die breite Öffentlichkeit zu bringen

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