Sankt Margarethen Wilstermarsch

Yara als Feindbild – Aktivisten wollen Werk blockieren

Am Freitag präsentierte die Bundesregierung der Öffentlichkeit zufrieden ihr Klimapaket. Zeitgleich folgten in Dutzenden deutschen Städten Hunderttausende dem Aufruf von Fridays for Future und gingen für mehr Klimaschutz auf die Straßen. Im Landwirtschafts- und Klimagerechtigkeitscamp in St. Margarethen und vor dem Yara-Werk blieb es indessen überraschend ruhig. Viele Menschen aus der Region und auch die Polizei, die seit einigen Tagen mit einem Großaufgebot vor Ort ist, hatten sich auf einen Beginn der Aktionen rund um das Chemiewerk zum Wochenende eingestellt.


Auch wenn sich sowohl die Fridays for Future- als auch die Free the Soil-Bewegung für umfassende, schnelle und effiziente Klimaschutz-Maßnahmen einsetzen, sind es gänzlich unterschiedliche Bewegungen. Um dies für die Öffentlichkeit kenntlich zu machen, wurde bewusst darauf geachtet, dass die Protestaktionen erst heute, mit zeitlichem Abstand zu den anderen Protestmärschen starten.

Während sich bei Fridays for Future viele Teilnehmer entgegen der öffentlichen Verlautbarung über zunehmende hierarchische Strukturen ärgern, praktiziert Free the Soil konsequent das Heterarchie-Modell.

Heißt: Jeder Teilnehmer im Camp kann selbst bestimmen, wie er sich in die Gruppe einbringen und welche Maßnahmen er ergreifen, an welchen Aktionen er teilnehmen möchte, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Zudem vereint die Organisation Mitglieder unterschiedlichster Umweltschutzorganisationen, aus unterschiedlichen europäischen Ländern unter einem Dach.

So spiegelt sich das Modell im Campleben wider: Aufgrund der unterschiedlichen Nationalitäten wird im Camp überwiegend englisch gesprochen. Eine Gruppe junger Franzosen hat sich am Freitag bereiterklärt die provisorisch eingerichtete Backstube zu übernehmen. Im Akkordtempo werden Brotlaibe geformt und in den Ofen geschoben.

Andere Teilnehmer aus den Niederlanden, Österreich und Deutschland bereiten das Mittagessen zu, machen den Abwasch, während zeitgleich in diversen Zelten Vorträge und Workshops abgehalten werden. Geredet wird über Massentierhaltung, Gentechnik und andere Themen. Eine dänische Aktivistin von Free the Soil zieht die Aufmerksamkeit von über 50 Teilnehmern in Zelt B auf sich. Sie referiert über den norwegischen Düngemittelhersteller Yara. Berichtet darüber wie das Unternehmen Afrikas Landwirtschaft ankurbeln möchte und welche negativen Auswirkungen das vordergründig positiv wirkende Bestreben des Unternehmens letztlich für die Menschen vor Ort habe. Ausführlich berichtet sie von ihren mehrfachen Afrikareisen und den Gesprächen, die sie vor Ort mit den Menschen geführt habe.

In dem kleinen, rund 30 Quadratmeter großen Zelt herrscht allmählich tropisches Klima. Trotz hoher Temperaturen sind alle Teilnehmer diszipliniert und hoch konzentriert bei der Sache. Nach einer Dreiviertelstunde, die erste Pause. Die Teilnehmer des Workshops versammeln sich vor dem Zelt und machen gemeinschaftlich ein paar Lockerungsübungen, bevor sie in Gruppen gegliedert einige Berichte über Yara analysieren und ihre Ergebnisse den anderen Gruppen vortragen. Wer meint, dass sich hier ein paar Jugendliche versammeln, weil sie nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen wissen und Spaß und Aktion erleben möchten irrt sich gewaltig. Das Camp gleicht mehr einer perfekt organisierten Studienreise von engagierten, zielstrebigen Studenten.

In einer Presseerklärung der Grünen Bundestagsabgeordneten Dr. Ingrid Nestle anlässlich des weltweiten Klimastreik heißt es: „Jahrelang hat die Bundesregierung mit Tatenlosigkeit in der Klimapolitik geglänzt. Die Hoffnung auf ein engagiertes Voranschreiten des Klimakabinetts sind – optimistisch gesprochen- gering.“  In der schriftlichen Verlautbarung heißt es weiter: „Dieses Nicht-Handeln zwingt die Schülerinnen und Schüler auf die Straße. Sie sehen ihre Zukunft berechtigterweise in Gefahr.“ Somit seien Klimastreiks eine öffentliche Form der Notwehr, argumentiert die energiepolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion.

Reine Demonstrationsmärsche gehen der Free the Soil-Bewegung längst nicht mehr weit genug, wenn es darum geht auf die dringende Notwendigkeit von Veränderungen hinzuweisen.

Auf ihrer Internetseite ruft sie daher zum zivilen Ungehorsam auf. Das gesamte Wochenende über wurden die Campteilnehmer auf die heute startenden Aktionen vorbereitet. Mit ihren Körpern will das Gros der Protesteilnehmer die Zufahrt zum Unternehmen blockieren, andere wollen auf das Gelände vordringen und das Unternehmen zwingen die Produktion zumindest vorrübergehend einzustellen. Polizei und Wachschutz werden alles dafür tun, dies zu unterbinden. Wie weit einzelne Aktionsteilnehmer bereit sind zu gehen, um die vorhandenen Hindernisse zu überwinden und eine von Europas größten Stickstoff-Kunstdüngemittelfabriken stillzulegen ist derzeit offen. Auf Seiten der Sicherheitsbehörde sei man umfassen vorbereitet um auf alle Aktionsformen geeignet reagieren zu können.