Sankt Margarethen Wilstermarsch

Miteinander ins Gespräch kommen

Auf einer Weide, unmittelbar am Ortseingang von St. Margarthen, wo bis vor wenigen Tagen noch Kühe mit ihren Kälbern grasten, entsteht derzeit eine kleine Zeltstadt. In den kommenden acht Tage treffen sich hier Hunderte Umweltaktivisten aus ganz Europa, um sich gemeinsam gegen die industrielle Form der Landwirtschaft auszusprechen.

„Für gut die Hälfte der Treibhauseemissionen ist die industrielle Landwirtschaft verantwortlich“, sagt Mäckie Seiffert, Sprecherin der Initiative Free the Soil. Es sei an der Zeit, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf dieses Thema zu lenken und zweifelslos darzustellen, dass diese Form der Landwirtschaft eine der Hauptursachen der Erderwärmung und des Klimawandels sei.

 „Es geht uns in keiner Weise darum, die Landwirte zu denunzieren und als Böse hinzustellen“, betont Paul (26). Seit einem Jahr ist er Teil des Organisationsteam für die Veranstaltung. „Wir möchten die Menschen aus der Region zu uns ins Camp einladen und sie im Zuge von Vorträgen über umweltrelevante Themen informieren aber auch mit ihnen ins Gespräch kommen“, sagt er und ergänzt: „Dieses Camp soll ein Ort sein, wo sich die Menschen vernetzen sowie unmittelbar austauschen und im Idealfall sogar gemeinsam Lösungsansätze erarbeiten können.“ Der 26-jährige hofft insbesondere auf eine rege Beteiligung von Seiten der Landwirte, denn das Fachwissen dieser Berufsgruppe sei von hoher Bedeutung, wenn es darum geht, neue Wege zu entwickeln, die von der industriellen Landwirtschaft wegführen.

Eigens für die einwöchige Veranstaltung ist der 55-Jahre alte IT-Berater Mats aus Schweden angereist. „Ich habe mir eine einjährige Berufsauszeit genommen, weil ich den Eindruck habe, dass wir uns gerade in einer Zeit des Umbruchs befinden und es jetzt wichtig ist, umweltrelevanten Themen Nachdruck zu verleihen.“ Aufgerüttelt hätten ihn vor allem die jüngsten Vorfälle in einer Gelsenkirchener Klinik, bei der Kinder mit Handfehlbildungen zur Welt kamen. Dies rief Erinnerungen bei dem IT-Experten hervor. Erinnerungen an ähnliche Vorfälle, die sich zwischen 2009 und 2014 in Frankreich ereigneten. „Dort wurden Pestizide als mögliche Ursache ermittelt“, sagt Mats. Es sei dringend an der Zeit Veränderungen zum Wohle der Umwelt aber auch der Menschen herbeizuführen.

„Ohne Bilder von Aktionen zivilen Ungehorsams gegen große Unternehmen ist es kaum möglich die Medien dazu zu bringen, sich solcher Themen anzunehmen und zu helfen die Gesellschaft wachzurütteln und zu informieren“, sagt Paul. Daher sind neben den Programmpunkten im Camp auch verschiedene Aktionen am fünf Kilometer entfernten Yara-Werk geplant. Das norwegische Unternehmen zählt zu den weltweit größten Düngemittelherstellern und ist der größte industrielle Einzelabnehmer von Erdgas in Europa. „Das Unternehmen profitiert von der industriellen Landwirtschaft am meisten“, erklärt Mäckie Seiffert die Hintergründe, die dazu geführt haben, dass das Unternehmen zum Feindbild geworden ist. „Unsere geplanten Aktionen richten sich in keiner Weise gegen die Beschäftigten von Yara, die landwirtschaftlichen Produktionsbetriebe oder gegen die Polizei“, betont die Pressesprecherin.

Auch Paul ist überzeugt: „Ich denke diese Kombination aus einem Landwirtschafts- und Klimagerechtigkeitscamp mit zahlreichen Informationsveranstaltungen für jedermann in Verbindung mit Aktionen des zivilen Ungehorsam gegen Yara ist der einzige Weg um die nötige Aufmerksamkeit in der Gesellschaft zu bekommen um das immens wichtige Thema in den Köpfen der Menschen zu verankern.“


Und wie nehmen St. Margarethener das Camp wahr?

Karin Mehlert (59): „Ich denke es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die für den Umweltschutz auf die Straße gehen und ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen. Wie sonst soll man Unternehmen, die lediglich ihre Profitsteigerung im Sinn haben ausbremsen?“ Gemeinsam mit acht Freundinnen aus der Gemeinde will die 59-Jährige am Freitag das Camp besuchen. „Wir wollen uns die Sache mal vor Ort ansehen“, sagt sie.

Matthias Schomacker (43): „Die Leute, denen ich begegne, sind alle sehr freundlich, aber ich habe mir auch sagen lasse, dass die auch ganz anders können, was man ja beispielsweise beim G20-Gipfel gesehen hat. Ich komme selbst vom Bauernhof und muss sagen, dass die Höfe von heute mit der eigentlichen Landwirtschaft nicht mehr viel zu tun haben. Dass man dagegen demonstriert ist richtig, aber wenn Gewalt ins Spielt kommt geht es zu weit. So wie es auf der Internetseite zu lesen ist, wird diese Form des Protestes jedoch gegebenen falls toleriert, was ich überhaupt nicht gut finde.“ 

Reimer aus der Gemeinde (möchte seinen Nachnamen nicht nennen): „Wir sind doch alle nur zu besuch auf dieser Erde und sollten daher so pfleglich wie möglich damit umgehen. Wenn ich an meine Enkelkinder denke, dann glaube ich schon das Veränderungen dringen notwendig sind. Zu meiner Jugend existierten noch kleine Bauernhöfe und die Landwirte konnten davon leben. Heute müssen die Höfe immer größer werden, damit sie überhaupt noch etwas Profit bringen. Irgendetwas läuft also nicht ganz richtig.“