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Austausch der Kulturen

By Jens-Peter Mohr | In NEWS | on Dezember 1, 2015

01.12.2015 – Unter dem Motto „Begegnung der Kulturen“ lud die Kirchengemeinde Wilster am Freitagabend zu einem afghanischen Abend ins Gemeindehaus. Gemeinsam mit afghanischen Asylbewerbern, die in Wilster eine Unterkunft gefunden haben, hatte Pastor Karl-Wilhelm Steenbuck den Abend geplant und vorbereitet. Geboten bekamen die Besucher unter anderen kulinarischen Köstlichkeiten, die durch die geografische Lage des Landes von der türkischen, persischen und der indischen Küche geprägt waren. Ferner erfuhren die Gäste etwas mehr über das Land, zudem Deutschland bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts ein besonderes Verhältnis pflegt. Zwischen einzelnen musikalischen und literarischen Darbietungen hatten die Besucher die Möglichkeit, ins Gespräch mit den Menschen zu kommen, die vor Gewalt, Krieg und Terror geflohen sind, um in Deutschland ein Leben in Freiheit und Frieden führen zu können.

Unter ihnen war Mehran Akbari, der mit einem strahlenden Lächeln den Gästen unter anderen die Zubereitungsweise und Zusammensetzung der verschiedenen Gerichte erläuterte.

Über 8000 Kilometer hat Mehran gemeinsam mit seinen drei Geschwistern im Alter von acht, zehn und vierzehn Jahren, seinen Eltern und der 74 Jahre alten Großmutter hinter sich gebracht. Drei Monate war die Familie Akbari unterwegs. Größten Teils zu Fuß, manchmal mit dem Auto oder Bus und einmal sogar mit einem Boot. „Es war ein schwerer und gefährlicher Weg“, erzählt der 13-Jährige. Gewohnt haben sie in der afghanischen Provinz Parwan, im Osten des Landes, nördlich der Hauptstadt Kabul. Ihre Reise führte über die Türkei, Griechenland, Serbien, Ungarn, Österreich nach Deutschland. Bereits vor fast einem Jahr sind sie aus ihrem Land geflohen. Zu der Zeit war der Flüchtlingsstrom noch nicht so groß. Doch das Leben in ihrer Heimat war für sie nicht mehr sicher. Der Onkel, so erzählt Mehran, sei Polizist gewesen. Als er der Anweisung der Taliban, seinen Beruf zu quittieren nicht nachgekommen ist, haben sie Mehrans Vater aufgesucht. Er wurde brutal überfallen und schwer verletzt. Die Täter drohten wiederzukommen, sollte der Onkel ihre Forderungen nicht erfüllen. Drohungen der Taliban werden ernst genommen. Sie sind in dieser Region für ihre Brutalität bekannt. Wer in das Visier der deobandischislamistischen Miliz gerät führt ein Leben in Angst. Die Familie Akbari entschied sich, trotz der Liebe zum eigenen Land für eine Flucht nach Europa. Für ein Leben frei von Angst, nahm die Familie einiges auf sich. In Mazedonien wurde Mehran von seiner Familie getrennt. Polizisten hatten alle Reisenden zur Überprüfung aus einem Bus geholt, lediglich Mehran durfte die Fahrt fortsetzen, da sie ihn für einen Mazedonier gehalten hatten. Das Glück führte die Familie wieder zusammen. Dieses Ereignis hat sich jedoch in Mehrans Kopf festgebrannt, ebenso wie ein Überfall durch vier bewaffnete Männer, denen die Familie ihr Ersparte geben musste. Seit neun Monaten wohnt Mehran mit seinen Eltern und Geschwistern mittlerweile in Wilster. Er spricht gutes Deutsch, hat Freunde gefunden und fühlt sich hier wohl. Auch sein Onkel hat es zwischenzeitlich nach Deutschland geschafft. Er befindet sich im Flüchtlingscamp Prinovis in Itzehoe. Auch wenn die Familie jetzt in Sicherheit ist, so lebt sie noch nicht gänzlich frei von Angst. Auf ihrer Reise nach Wilster wurden sie in Ungarn registriert. Dem Dubliner-Abkommen zufolge dürfen Flüchtlinge nur dort Asylanträge stellen, wo sie zuerst europäischen Boden betreten haben. „Innerhalb der nächsten sechs Monate werden wir erfahren, ob wir in Wilster bleiben dürfen“, hofft Mehran auf einen positiven Entscheid.

Abdullah Jafari gehört zu den Glücklichen, die in Deutschland bleiben dürfen. Der 25 Jahre alte Afghane macht derzeit eine Ausbildung zum Friseur. Ursprünglich wollte er in seinem Land einmal studieren. Um sich Geld für das Studium zu verdienen, arbeitete Abdullah als Dolmetscher für die amerikanische Armee. Als seine Anstellung nach 18 Monaten endete, wurde er von den Taliban zu Verräter ernannt und gejagt. Seine Familie verhalf ihm zur Flucht und so kam er schließlich nach Deutschland. „Die ersten sechs Monate habe ich mich gefühlt wie in einem Gefängnis“, erinnert sich der 25 Jährige. Der junge Mann, der voller Tatendrang und mit Zielen, wie sie viele Menschen in seinem Alter haben einreiste, wurde zunächst einmal durch die deutsche Bürokratie ausgebremst. Doch diese Zeit liegt hinter ihm und nun ist Abdullah dabei, sich ein Leben in seiner neuen Heimat aufzubauen.

 

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Mehran Akbari hilft beim Anrichten der Speisen – seine Familie ist glücklich, mit der Zubereitung der Speisen ihrer Dankbarkeit gegenüber den Deutschen etwas Ausdruck verleihen zu können

 

 

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Zahlreiche Speisen brachten einen kleinen Einblick in die afghanische Küche.

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Abdullah Jafari galt in seinem Land als Verräter und wurde von den Taliban gejagt

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